Zum Volkstrauertag

In diesem Jahr wurde in Amorbach nicht am Ehrenmal gesprochen, deshalb auszugsweise der Beitrag von Pfarrerin Sunder- Plassmann hier:

Der Bruder meines Vaters, Herrmann Vordemfelde, ist 18-jährig einen Tag vor der Kapitulation Anfang April 1945 in seiner Heimatstadt Aschaffenburg auf der Schweinheimer Höhe gefallen. Oft habe ich gedacht: „warum hat meine Großmutter ihn an dem Tag nicht im Keller versteckt.“ Jetzt habe ich von einer Amorbacherin gehört, die damals als Kind am selben Tag auf der Schweinheimer Höhe war, dass aus meines Onkels Abteilung einige Soldaten nach Hause gegangen sind an diesem Tag, weil klar war, dass der Krieg zu Ende war. Sie wurden von der SS als Deserteure aufgehängt.

Stehen ihre Namen auch auf unseren Ehrenmälern? Und an welchen Plätzen werden die Kommunisten, Zigeuner, Homosexuellen und Behinderten, die ermordet wurden, geehrt, Bürger und Bürgerinnen unseres eigenen Landes. Und wo, außer in den größeren Städten, sind die Ehrenmale für die Juden, die „vernichtet“ wurden? Diese Fragen stürmten auf mich ein, als ich begriffen habe, dass mein Onkel, wenn er nicht gefallen wäre, gehängt worden wäre. Wo wäre dann seine Ehre gewesen? Wer setzt diese Menschen wieder ins Recht? 

Der Beginn der Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg jährt sich gerade zum 75mal. Der jetzt 101- jährige Chefankläger Benjamin Ferencz hat aus der Tradition der Nürnberger Prozesse den Internationalen Straf-gerichtshof begründet. Damals in Nürnberg hat er versucht, die zivilen Opfer des Naziregimes wieder ins Recht zu setzen.

Und wir können Ihnen die Ehre erweisen.

Wir können sie ehren, indem wir die Erinnerung wieder hervorholen. Sie wurden oft vergessen nach dem Krieg, weil die Schuld unerträglich groß war, ohne dass sich viele schuldig gefühlt hätten. Diese Diskrepanz war nur durch Verdrängen zu bewältigen, so scheint es. Wir, eine Generation später, brauchen nichts mehr verdrängen. Wir können alle Opfer ehren. In manchen kleinen Städten entstehen so erst jetzt Ehrenmale für die Opfer des Nationalsozialismus, die durch die eigenen Leute zu Tode kamen. Herr Schäuble hat in seiner Rede zum diesjährigen Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus am 27.1. gesagt: „es gibt kein heilsames Schweigen über Auschwitz.“ Aber Reden tut weh. Aber Ehren ist möglich. In Amorbach wird es schon getan. Auf dem Ehrenmal am Friedhof steht: „Schweiget in Ehrfurcht, denkt an die Toten, die Opfer des Krieges, des Grauens, der Flucht.“ Und „Ihr Sterben verpflichtet uns zu Liebe und Friedfertigkeit.“